Sachsenring der Erste

  • Den Sachsenring kennen heute viele aus dem Fernsehen, die WM Übertragungen werden sicher auch hier verfolgt. Manche waren vielleicht auch da, oder sind selbst mal auf dem Kurs gefahren. Früher fanden die Rennen aber auf einem Kurs statt, der etwa am heutigen Start- Ziel begann, dann durch die Stadt Hohenstein- Ernstthal verlief, den Badberg rauf, entlang der Autobahn A4 und dann wieder vorbei am „Heiteren Blick“ runter bis zum Wasserwerk und zurück über die heute noch (fast an gleicher Stelle existierenden) Queckenbergkurve zu Start/ Ziel. Man könnte den Kurs heute noch fahren, wäre nicht die GP- Strecke „im Weg“. Bis auf 1km ist alles noch da.



    Das ist Älteren bekannt, bis 1990 wurde der alte Kurs benutzt. Auf diesem wurden 12 GP der DDR mit der kompletten Weltelite gefahren, auf dem neuen Kurs gibt es seit 1998 in Unterbrechung 2020 immer den Motorrad GP von Deutschland. Es kann ohne Zweifel gesagt werden, das weder der Nürburgring noch Hockenheim auf diese Zahl an Motorrad Grands Prix kommen. Da sind wir schon ein kleines bißchen stolz hier.



    Aber: Der heutige Kurs Sachsenring bei Hohenstein- Ernstthal ist nur die zweite Rennstrecke, welcher diesen Namen trägt. Vorher gab es eine Strecke ca. 50km weiter östlich, die auch unter diesem Namen firmierte. Wir sprechen hier vom Ende der 20er- Jahre des letzten Jahrhunderts bis hinein in die 30er. Es ist ein Stück gesamtdeutsche Motorsport- Historie. Wenn ich was dazu schreiben soll, dann bitte….meldet Euch.


    Grüße Wolf

  • Na dann, ich stelle immer mal ein paar Abschnitte ein die nächsten Tage... Erst mal ein bißchen Vorgeschichte:


    In der Zeit nach dem 1. Weltkrieg hatten sich allein in Dresden 10 Motorradfahrer- Clubs gebildet. Es regte sich der Wunsch, das diese eine Clubmeisterschaft ausfahren. Es wurde ein 28km langer Rundkurs bei Moritzburg auserwählt. Vom Start in Moritzburg (10km nördlich von Dresden) ging es über Berbisdorf, Radeburg, Steinbach zurück nach Moritzburg. Der DMC (Dresdener Motorradclub)1914 organisierte diese Veranstaltungen von 1924- 1926.


    Die Premiere verlief etwas chaotisch. Sowohl für den Club als auch für die örtlichen Behörden war so eine Veranstaltung Neuland. Die komplette Absperrung dieser langen Strecke war unmöglich mit den vorhandenen Kräften, es sollen Fußgänger und „normale“ Fahrzeuge auf dem Kurs mit unterwegs gewesen sein. Die beiden folgenden Rennen verliefen geordneter. Der Fortschritt im Motorradbau verlief in der Zeit rasant, die Geschwindigkeiten stiegen und das Fahrerfeld vergrößerte sich. Der Fahrzeugbestand in Sachsen hatte sich in den Jahren mehr als verdoppelt, hauptsächlich durch Motorräder. Und die „Große Dreiecksfahrt im Moritzburger Wald“, wie die Veranstaltung hieß, hatte sich weit herumgesprochen. Fahrer aus Berlin und Bayern kamen und mischten erfolgreich bei den Rennen mit. So erwies sich der Kurs mit mehreren Ortsdurchfahrten und einem Bahnübergang bei Berbisdorf (den es heute noch dort gibt) als zunehmend problematisch, es kam zu Unfällen und die Straßenbeschaffenheit war an einigen Stellen völlig unzureichend. Wollte man weiter diese Clubmeisterschaften austragen, musste man sich für das Folgejahr1927 nach einem anderen Kurs umsehen.


    Die Wahl fiel auf einen Dreieckskurs im „Grillenburger Wald“, heute auch „Tharandter Wald“ zwischen Freiberg und Dresden. Der Weiterbestand der Clubmeisterschaften war damit gesichert.

  • Hallo Wolf, sehr schön, ich lese auch sehr gerne mit!

    In Kurven kann jeder schnell fahren, aber auf der Geraden... da brauchst du Leistung!

  • Nun kommen wir langsam zur Hauptsache:


    Dieses Jahr feiern wir 95 Jahre Sachsenring vom 15.-17. Juli in Hohenstein- E. Das erste Rennen am Himmelfahrtstag 1927 wurde aber auf dem „Badberg- Viereck“ ausgetragen, örtlich identisch mit den späteren Straßenkurs Sachsenring. Über 100 Starter und 130000 Zuschauer pilgerten am Himmelfahrtstag 1927 nach Hohenstein- Ernstthal.




    Im Grillenburger Wald liefen zu der Zeit die Vorbereitungen für das 1. Rennen dort auf Hochtouren. Dieses Waldstück ist lehrbuchmäßig in Flügel und Schneisen eingeteilt, von Grillenburg aus mit Start/ Ziel ging es auf einer bereits verkehrstauglichen Strasse ca. 6km westwärts nach Naundorf. Dieser Ort wurde nur gestreift, im Inneren des Dreieckes stand nur 1 Gebäude zur damaligen Zeit. In einer engen Spitzkehre ging es dann links wieder ostwärts knapp 6km nach Klingenberg. Die breite Strasse durch den Wald (Salzstrasse) wurde durch die Forstbehörde ertüchtigt, es herrschte eine gute Kooperation mit den Behörden. Der dortige Bahnhof Klingenberg- Colmnitz konnte Besucher bis fast 100m an die Rennstrecke bringen aus Dresden und Freiberg, auch Sonderbusse wurden eingesetzt. Von Klingenberg zurück Richtung Norden nach Grillenburg gab es auch bereits eine ordentliche Fahrbahn für damalige Verhältnisse. Die Streckenlänge wurde mit 14,5km vermessen. Die Nachrichtenübermittlung übernahm die Reichswehr, den Sanitätsdienst die Ortsgruppen des Roten Kreuz der umliegenden Städte unter Leitung von mehreren Ärzten. Im Inneren des Dreieckes gibt es einen Platz, von dem aus man an mindestens 10 Stellen über die Flügel und Schneisen die Rennstrecke erreichte. An diesem Platz stand ein Krankenwagen bereit sowie ein Sanizelt, vorbildlich für diese Zeit.

    30000 Zuschauer (zahlende) kamen im ersten Jahr, gefahren wurden wieder die Clubmeisterschaften. Durch diesen Erfolg wurde auch 1928 eine Veranstaltung organisiert, dann kam die Weltwirtschaftskrise, welche ein Rennen 1929 verhinderte.

  • Hier ein Streckenplan, original von 1931 von einem Freund, welcher das Blatt vor Jahren auf einem Flohmarkt ergattert hat.


    Start/Ziel war zuerst westlich Grillenburg in Richtung Naundorf, später nördlich Bahnhof Klingenberg. Man sieht auch innerhalb des Dreieckes besagten Platz, wo der Krankenwagen und das Sanizelt standen. Der bläulich eingezeichnete Kurs wurde nur 1933 gefahren. Rennrichtung war gegen den Uhrzeigersinn. Der nördliche und östliche Streckenteil sind heute noch öffentliche Strassen, im Süden befindet sich die Salzstrasse, heute eine gut ausgebaute Strasse für den Forstbetrieb.